Fremdgelesen: Wilhelm Buschs Sommerfrische

Das OVB berichtet derzeit in einer Serie über das Künstlerleben in Brannenburg. In der gestrigen Ausgabe geht es um „Wilhelm Buschs Sommerfrische“. Der der Zeichner und Maler Wilhelm Busch war mehrmals in Brannenburg ( Nachweislich in den Jahren 1856, 1858 und 1859, dreimal jeweils im Sommer). Über seine erste Begegnung mit Brannenburg schrieb er in seiner Selbstbiografie „Von mir über mich“ :

    „Auch das Gebirg, das noch nie gesehene, wurde für längere Zeit aufgesucht. An einem Spätnachmittag kam ich zu Fuß vor dem Dörfchen an, wo ich zu bleiben gedachte. Gleich das erste Häuschen mit dem Plätscherbrunnen und dem Zaun von Kürbis durchflochten sah verlockend idyllisch aus. Feldstuhl und Skizzenbuch wurden aufgeklappt. Auf der Schwelle saß ein steinaltes Mütterchen und schlief, das Kätzchen daneben. Plötzlich, aus dem Hintergrunde des Hauses kam eine jüngere Frau, fasste die Alte bei den Haaren und schleppte sie auf den Kehrichthaufen. Dabei quäckte die Alte wie ein Huhn, das geschlachtet werden soll. Feldstuhl und Skizzenbuch wurden zugeklappt. Mit diesem Rippenstoße führe mich das neckische Schicksal zu den trefflichen Bauersleuten und in die herrliche Gegend, von denen ich nur ungern wieder Abschied nahm.“

Busch, welcher wegen seiner satirischen Bildergeschichten in Versen als einer der Pioniere des Comic gilt, wird jedoch auch Antisemitimus vorgeworfen. Moses Mendelssohn , Leiter des Zentrums für europäisch-jüdische Studien in Potsdam äußerte sich z.B. in einem taz Interview wie folgt:

    „Antisemitische Bilder werden vererbt – nicht genetisch, aber über die Kultur, über die Familie, über die Sprache. Etwa bei Wilhelm Busch: „Kurz die Hose, lang der Rock, / krumm die Nase und der Stock, / Augen schwarz und Seele grau, / Hut nach hinten, Miene schlau -/ So ist Schmulchen Schievelbeiner. / (Schöner ist doch unsereiner).“ Das ist klassischer Antisemitismus. So was kann man in Fibeln lesen. Das prägt Bewusstsein, und vielleicht sogar das Handeln der Menschen. Das soll man nicht unterschätzen. (…)“

Ludger Heid schreibt in seinem 1995 veröffentlichten Artikel „Der Rassenantisemitismus in Deutschland“ zu Wilhelm Busch:

    „Bei Busch durchdringen sich wirtschaftliche und rassistische Ressentiments zu einem antisemitischen Gemisch, das den Juden immer negative Eigenschaften zuschreibt. „Schmulchen Schievelbeiner“ ist für ihn der typische Vertreter des deutschen Juden, dessen charakteristischer Steckbrief sich so liest:
    „Kurz die Hose, lang der Rock,
    Krumm die Nase und der Stock,
    Augen schwarz und Seele grau,
    Hut nach hinten, Miene schlau -
    So ist Schmulchen Schievelbeiner.
    (Schöner ist doch unsereiner!)“
    Mit seinen satirischen Zeichnungen und Dichtungen erzielte Busch große Wirkung, seine komisch-grotesken Typen wurden Allgemeinbesitz. Das „Fremde“, das „Unheimliche“ des Juden, das Busch so wirkungsvoll darstellen konnte, fand in der Romanliteratur wie in der Karikatur zahlreiche Nachahmer. So konnte sich das Bild des krummbeinigen, höckernasigen, schwulstlippigen, hässlichen Juden, der mit unredlichen Mitteln nach dem Geld jagt und unschuldigen blonden Mädchen auflauert, stereotyp verfestigen. Buschs „gutmütige“ Karikatur des „Schmulchen Schievelbeiner“ war eine rassistische Verzerrung, wie sie dem populären Humoristen bei keiner seiner „deutschstämmigen“ Typen in den Sinn gekommen wäre„

Diese Kritik an Busch wir im ovb natürlich wiedereinmal nicht erwähnt.
Wilhem Busch Selbstportrait, 1894

Wilhelm Busch, Selbstportrait, 1894





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